Führung

Führungskräfteentwicklung mit rotem Faden

MS Marcus Schmitz April 2026 8 Min. Lesezeit

Einarbeitung ohne durchgängiges Konzept verpufft. Wie Sie aus losen Maßnahmen einen strukturierten Entwicklungspfad mit klaren Stationen und Lernzielen machen.

In den meisten Unternehmen, die ich begleite, fehlt es nicht an Budget für Führungskräfteentwicklung. Es fehlt an einem Faden, der die Maßnahmen verbindet. Eine Führungskraft besucht im Frühjahr ein Seminar zu Mitarbeitergesprächen, im Herbst kommt ein Tagesworkshop zu Konfliktmanagement, und irgendwann zwischendurch gibt es ein Coaching, das jemand auf der letzten Klausur empfohlen hat. Jede einzelne Maßnahme ist für sich genommen gut. Zusammengenommen ergeben sie kein Bild.

Das Ergebnis kennen Sie wahrscheinlich: Die Inhalte verpuffen, weil sie nichts miteinander zu tun haben. Die Führungskraft kann nach drei Jahren nicht sagen, wo sie steht und wohin sie sich entwickelt. Und die Geschäftsführung fragt sich, warum das viele Geld so wenig sichtbare Wirkung zeigt. In über 25 Jahren Praxis ist mir kaum ein Thema so häufig begegnet wie dieses - und kaum eines lässt sich mit so überschaubarem Aufwand grundlegend verbessern.

Warum Einzelmaßnahmen systematisch verpuffen

Ein Seminar verändert für zwei Tage die Aufmerksamkeit. Danach kehrt die Führungskraft an ihren Schreibtisch zurück, in dieselbe Umgebung, mit denselben Erwartungen und demselben Tagesgeschäft. Was im Seminarraum noch einleuchtend war, hat im Alltag keinen Anker. Forschung zum Lerntransfer zeigt seit Jahren dasselbe: Ohne Anwendung, Wiederholung und Begleitung bleibt vom Gelernten erschreckend wenig hängen.

Das eigentliche Problem ist aber nicht das einzelne Seminar. Es ist das Fehlen einer Logik dahinter. Wenn niemand definiert hat, welche Fähigkeiten eine Führungskraft in welcher Phase ihrer Rolle braucht, dann ist jede Maßnahme im Grunde geraten. Sie reagiert auf ein akutes Symptom, einen Konflikt, eine Beschwerde, einen Trend, statt einem Plan zu folgen. So entsteht ein Flickenteppich, kein Entwicklungsweg.

Hinzu kommt ein zweiter Effekt, den ich oft beobachte: Ohne roten Faden wird Entwicklung beliebig. Die eine Führungskraft bekommt viel, weil sie laut nachfragt. Die andere bekommt nichts, weil sie nie auffällt. Das ist nicht nur ineffizient, es ist auch ungerecht - und im Team spürt man das.

Was ein Entwicklungspfad leisten muss

Ein Entwicklungspfad ist kein dickes Konzeptpapier. Er ist eine einfache Antwort auf drei Fragen, die für jede Führungskraft beantwortbar sein sollten:

  • Wo stehe ich heute- Welche Führungsaufgaben beherrsche ich, wo habe ich blinde Flecken?
  • Wo will das Unternehmen mich hinhaben- Welche Anforderungen kommen mit meiner aktuellen oder nächsten Rolle?
  • Welche Stationen liegen dazwischen- Was lerne ich wann, woran erkenne ich, dass ich es kann?

Wenn diese drei Fragen klar beantwortet sind, ordnen sich Seminare, Coachings und Projekte fast von selbst ein. Sie werden vom Zufallsereignis zur Station auf einem Weg. Und genau das verändert ihre Wirkung: Eine Maßnahme, die auf etwas vorher aufbaut und auf etwas nachher hinführt, bleibt haften.

Vom Flickenteppich zum Pfad: ein praktischer Rahmen

Ich arbeite mit Unternehmen am liebsten entlang von vier Schritten. Der Rahmen ist bewusst schlank gehalten, damit auch ein Mittelständler ohne große Personalabteilung ihn umsetzen kann.

Schritt 1: Kompetenzanker definieren

Bevor Sie über Maßnahmen reden, beschreiben Sie, was Führung in Ihrem Haus konkret bedeutet. Nicht in Hochglanzbegriffen, sondern in beobachtbaren Verhaltensweisen. Vier bis sechs Kompetenzfelder reichen völlig, zum Beispiel:

  1. Sich selbst und Prioritäten steuern - delegieren, fokussieren, eigene Wirkung reflektieren.
  2. Mitarbeiter führen - Gespräche führen, Feedback geben, entwickeln.
  3. Konflikte und Zusammenarbeit gestalten - moderieren, Spannungen ansprechen, Entscheidungen herbeiführen.
  4. Richtung geben - Ziele übersetzen, Veränderung erklären, Sinn stiften.

Diese Kompetenzanker sind das Rückgrat. An ihnen hängt später alles andere, und ohne sie bleibt jeder Pfad beliebig.

Schritt 2: Standort bestimmen

Jetzt klären Sie für jede Führungskraft, wo sie auf diesen Feldern steht. Das muss kein aufwendiges Assessment sein. Ein strukturiertes Gespräch zwischen Führungskraft und Vorgesetztem, ergänzt um eine ehrliche Selbsteinschätzung und idealerweise eine Rückmeldung aus dem Team, liefert ein erstaunlich klares Bild. Wichtig ist nur, dass derselbe Maßstab für alle gilt - sonst entsteht wieder Beliebigkeit.

Schritt 3: Stationen mit Lernzielen festlegen

Aus der Lücke zwischen Standort und Anforderung ergeben sich die Stationen. Eine Station ist nicht “Seminar X”, sondern ein Lernziel mit einer dazu passenden Maßnahme. Der Unterschied ist entscheidend:

  • Statt “Teilnahme am Konfliktseminar” heißt es: “Kann ein Konfliktgespräch zwischen zwei Mitarbeitern moderieren, ohne Partei zu ergreifen - nachgewiesen an einem realen Fall im nächsten Quartal.”
  • Statt “Coaching” heißt es: “Delegiert mindestens drei wiederkehrende Aufgaben dauerhaft an das Team und gewinnt dadurch nachweislich Zeit für Führungsarbeit.”

Das Lernziel macht den Erfolg überprüfbar. Und es macht klar, dass die Maßnahme Mittel zum Zweck ist, nicht der Zweck selbst.

Schritt 4: Transfer in den Alltag verankern

Hier entscheidet sich, ob der Pfad trägt. Jede Station braucht einen Ort, an dem das Gelernte angewendet und besprochen wird. Das ist meistens das regelmäßige Gespräch mit der eigenen Führungskraft: “Du warst auf dem Feedback-Seminar - woran merkst du im Alltag, dass sich etwas verändert hat? Wo hakt es noch?” Ohne diesen Transferschritt bleibt auch der schönste Pfad Theorie.

Ein Beispiel aus der Praxis

Ein Dienstleister mit rund 120 Mitarbeitern hatte über Jahre brav in Führungstrainings investiert. Auf Nachfrage konnte aber keine der zwölf Führungskräfte sagen, was das Ziel der Entwicklung war. Jeder hatte irgendetwas besucht, niemand wusste, worauf das hinauslief.

Wir haben nichts Neues eingekauft. Wir haben fünf Kompetenzanker definiert, mit jeder Führungskraft eine Standortbestimmung gemacht und für jede zwei bis drei Stationen für die nächsten zwölf Monate festgelegt - mit konkreten Lernzielen. Die meisten dieser Stationen waren Dinge, die ohnehin anstanden: ein Projekt leiten, ein heikles Gespräch führen, eine Übergabe gestalten. Das Budget für externe Seminare sank sogar leicht. Was stieg, war die Wirkung. Nach einem Jahr konnte jede Führungskraft benennen, was sie gelernt hatte und woran sie als Nächstes arbeitet. Genau diese Klarheit hatte zuvor gefehlt.

Die häufigsten Stolpersteine

Drei Fehler sehe ich immer wieder, wenn Unternehmen einen Entwicklungspfad einführen wollen:

  • Zu viel auf einmal. Niemand braucht ein Kompetenzmodell mit 30 Dimensionen. Vier bis sechs Anker, zwei bis drei Stationen pro Jahr. Lieber schlank und gelebt als umfassend und vergessen.
  • Pfad ohne Begleitung. Ein Entwicklungsplan, den nach dem Schreiben niemand mehr anschaut, ist eine Absichtserklärung. Die Stationen gehören in die regelmäßigen Gespräche, nicht in eine Schublade.
  • Entwicklung als HR-Aufgabe. Die Personalabteilung kann den Rahmen bauen. Aber die Entwicklung einer Führungskraft verantwortet ihre eigene Führungskraft. Wer das delegiert, signalisiert, dass es nicht wirklich wichtig ist.

Wo stehen Sie beim Thema Führung?

Ein roter Faden in der Führungskräfteentwicklung ist kein Großprojekt. Er beginnt mit der schlichten Frage, ob Ihre Führungskräfte heute sagen könnten, wo sie stehen und wohin sie sich entwickeln. Können sie es nicht, liegt hier viel ungenutztes Potenzial - und meist hängt es mit weiteren Mustern zusammen: damit, wie Verantwortung verteilt ist, wie Entscheidungen fallen und ob Führung als Rolle ernst genommen wird.

Um zu sehen, wie tragfähig Ihre Führungsstrukturen insgesamt sind, lohnt sich ein ehrlicher Selbstcheck. Genau dafür haben wir den kostenlosen Organisations-Check entwickelt. In rund drei Minuten beantworten Sie gezielte Fragen unter anderem zur Dimension Führung und erhalten direkt im Anschluss eine persönliche PDF-Auswertung mit konkreten Ansatzpunkten - auch dazu, wo aus losen Einzelmaßnahmen ein echter Entwicklungspfad werden kann.

Der erste Schritt zu wirksamer Führungskräfteentwicklung ist selten ein neues Seminar. Er ist eine ehrliche Standortbestimmung. Nehmen Sie sie sich.

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